|
Startseite
BIWI-Index
DOCU-Index
HOBBY-Index
SUCHE-Index
Feedback
Impressum
|
Es fing alles an einem kalten Winterabend an. Anfangs wollte ich es nicht so recht
glauben, aber letztendlich hatte ich keine Wahl. Judith und Hermann waren zu Besuch
und tranken gerade unseren besten Wein, als es draußen so laut wurde, daß
sogar das Prasseln des Kamins übertönt wurde. Ich sprang erschrocken auf.
Hermann lachte und nannte mich einen Angsthasen.
Ich gestehe ja, ab und zu kann man mich wirklich zu Tode erschrecken. Das hier war so ein
Fall. Ich habe mich gut unterhalten und habe meine Ohren nicht ständig auf Empfang
gehabt. Was sollte an einem so ruhigen Abend eigentlich passieren? Es gab einfach keinen
Grund mit soetwas zu rechnen. So kam es jedenfalls, daß ich furchtbar zusammenfuhr,
mein Glas Wein verschüttete und meinen Ellenbogen heftig an der Tischkannte
stieß.
Draußen ging es unvermindert weiter laut zu. Ein Hund bellte, und eine Katze fauchte
furchtbar. Reifen qietschten laut. Ein Auto rammte krachend eine Mülltonne um.
Jemand fluchte laut und schlug die Autotür zu. Die Katze klang jetzt ziemlich
erbarmungswürdig. Die Nachbarn hingen schon alle in den Fenstern ihrer Häuser.
Draußen gab es wohl eine Sensation zu sehen.
Judith kicherte hemmungslos. Sie war schon leicht angeschwipst. Nun ja, der Wein war
eben sehr gut gewesen, und sie hatte nicht nein gesagt, als Hermann ihr immer wieder
nachschenkte. Ich riß mich zusammen, zog mir eine dicke Jacke an, ging hinaus und
wollte helfen.
Judith stand in der Tür und sah mir interessiert zu, wie ich begann, den Müll
wegzuräumen. Der Autofahrer kam mit einem pitschnassen Bündel an und fragte mich:
"Ist das hier Ihr Tier?"
Erstaunt sah ich ihn an. Ich hatte keine Tiere. Bis heute frage ich mich, was mich an
jenem Abend geritten hat, denn was ich damals antwortete, möchte ich bis heute nicht
glauben.
zurück
An jenem Abend mußte ich wohl selbst zuviel Alkohol getrunken haben, denn ohne
lange zu zögern antwortete ich mit einem Ja.
"Ihr Vieh ist ja allgemeingefährlich. Erst jagt es meinen Hund quer über die
Straße und dann kratzt es mich auch noch."
Ich war so über mich verdattert, daß ich erst gar nicht reagieren konnte. Der
Mann hatte mir das nasse, kratzende Bündel in den Arm gedrückt und wandte sich
zum Gehen. Aus einem ersten Impuls heraus, wollte ich ihn jetzt gleich zurückhalten,
aber dann unterließ ich es doch. Wer weiß, wie er reagiert hätte. Zudem
hatte ich mit der Kratzbürste in meinen Armen genug zu tun. Gott sei Dank trug ich
meinen alten, dicken Wintermantel.
Der Autofahrer drehte sich noch mal um, um mir zuzurufen: "Das nächste Mal werde ich
für Ihren Gauner dort nicht bremsen. Passen Sie besser auf ihn auf!"
Seit dem ist Gaunerchen also bei mir.
Judith und Hermann fragten mich erstaunt, ob ich dieses arme Tier denn behalten wolle, wo
ich doch gar nichts von Katzen verstand. Ihnen war bekannt, daß ich eine Antipathie gegen
Tiere jeglicher Art hegte. Ich wußte nicht so recht, was ich antworten sollte.
Bevor ich mich jedoch entscheiden konnte, nahm mir Gaunerchen alle Möglichkeiten zu
einem Nein. Er wurde plötzlich ganz ruhig und begann in meinen Armen zu schnurren.
Das hatte noch nie ein Tier bei mir gemacht. Die Katze von meiner Mutter hatte mich nur
ignoriert, wenn sie mich nicht gerade gekratzt hatte. Somit hatte das kleine Gaunerchen
in meinem Arm gewonnen.
Ohne Judiths und Hermanns Hilfe, wäre ich jedoch nicht weit gekommen. Das arme Tier
hätte sonst sicher rasch das Weite gesucht, denn ich hätte es verhungern lassen.
Und dann gab es da plötzlich auch die Angst, ob Gaunerchen auch bei mir bleiben
dürfte. Es war doch eigentlich nicht meine Katze.
zurück
Die Angst kam wie
über Nacht. War das jetzt wirklich meine Katze? Würde nicht vielleicht doch
ein kleines Mädchen eines Tages überglücklich vor mir stehen und den
frechen kleinen Gauner in ihre kleinen Arme schließen? Aus diesem Grund gab ich
dann einfach eine Anonce in der Regionalzeitung auf.
"
Wer sucht entlaufenes Kätzchen?
Habe am 13.12. buntgefleckten Kater in der Garden Street gefunden. Bitte melde Dich bei mir!
Montags-Freitags Telefon: 123-243 423
Hobes"
Dann habe ich gewartet. Gaunerchen ist mir nicht von der Seite gewichen im Haus. Manchmal
war ich wirklich versucht, ihn mit auf die Arbeit zu nehmen. Da hätte Hermann, der
nicht nur mein Freund sondern auch mein Chef ist, ein paar ernste Worte mit mir gewechselt.
Also ließ ich Gaunerchen bei mir in der Wohnung und ging zur Arbeit.
Die ganze Zeit über erwartete ich einen Anruf, in dem sich der Besitzer mitteilte.
Meine Laune sank mit jeder Minute, so sehr rechnete ich mit dem Abschied von Gaunerchen,
der mir hingegen mit jedem Tag mehr ans Herz gewachsen war.
Und eines Tages war dann der Anruf da. Eine Frau am Telefon fragte nach der Katze und dem
Aussehen. Sie wußte einfach alles, so daß Zweifel nicht möglich waren.
Das war genau die Katze, die sie suchte. Sie fragte dann auf einmal: "Würden Sie den
Kater eventuell behalten wollen? Der kleine Gauner hat meiner Mutter gehört, die vor
drei Wochen gestorben ist. Mein Mann und ich müßten ihn sowieso ins Tierheim
geben. Wenn Sie ihn also lieber behalten..."
Sie brauchte den Satz gar nicht zu beenden. Der Dank sprudelte aus mir hervor. Ich war so
froh, daß ich mir frei nahm, zu Gaunerchen fuhr und mit ihm feierte.
zurück
|